Offener Brief : Forderung einer Psychotherapeutischen Krisenintervention für Geflüchtete in Lübeck (18.08.2015)

An den Bürgermeister Herrn Saxe und die Bürgerschaft

Rathaus
Breite Str. 62

23552 Lübeck



 

Offener Brief


 

Lübeck, den 01.07.2015

 

Appell an Herrn Saxe und die Bürgerschaft:

Psychotherapeutische Krisenintervention für Geflüchtete in Lübeck

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

zu der Frage „Soll das der sichere Hafen sein?“ organisierte das Medibüro Lübeck am 20. Mai eine Veranstaltung, auf der das Krankheitsbild „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) bei Geflüchteten und deren Versorgung in Lübeck erörtert wurde.

 

Frau Flor, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, informierte über Grundlagen des Krankheitsbildes PTBS und ihre Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten in Hamburg. Im Anschluss wurde die aktuelle Situation in Lübeck aus verschiedenen Perspektiven geschildert. So berichteten Ulrike Tietz vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Lübeck sowie Daniel Hettwich, Leiter einer Unterkunft für Geflüchtete der Gemeindediakonie, von ihrer Arbeit.

Deutlich zeigte sich das prekäre Bild in der psychosozialen Versorgung von Geflüchteten in Lübeck.

 

Nicht nur aufgrund von Folter und anderen schweren Gewalterfahrungen in den jeweiligen Herkunftsländern, sondern auch durch Erlebnisse auf der Flucht selbst, leidet ein hoher Prozentsatz (ca. 40%) der Geflüchteten unter so genannten Traumafolgestörungen. Durch die oft dramatischen Bedingungen in den an den EU-Außengrenzen liegenden Staaten wie Griechenland, Italien oder Ungarn kommen weitere Traumatisierungen hinzu. Geflüchtete sind dadurch oft über Jahre wiederholten existenziellen Bedrohungen ausgesetzt.

 

Sobald sie Deutschland erreichen, kommt es durch den sich oft über Jahre hinziehenden unsicheren Aufenthaltsstatus und die weiteren psychosozialen Belastungsfaktoren zu krisenhaften Zuspitzungen. Die Geflüchteten werden mit diesen Problemen in Lübeck allein gelassen – es gibt keine Beratungsstelle und kein Kriseninterventionskonzept für die Betroffenen.

 

Auf der Veranstaltung wurde berichtet, dass in Lübeck momentan 1050 Geflüchtete untergebracht seien. Im Laufe des Jahres 2015 sollen weitere 1700 Flüchtlinge nach Lübeck kommen und eventuell eine Erstaufnahmestelle gebaut werden.

 

Es wurde deutlich, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften die Arbeit der psychosozialen Beratung für Traumatisierte nicht zusätzlich zu der schon tagtäglichen Beratung aller Geflüchteten leisten können.

Deshalb ist es dringend erforderlich, ein Angebot zur psychotherapeutischen Krisenintervention für Geflüchtete in Lübeck einzurichten!

 

Deshalb fordern wir von der Bürgerschaft Lübeck:

  • die Schaffung von festen Stellen für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für diese wichtige Arbeit
  • eine Regelung der Dolmetscherfinanzierung, um eine effektive Arbeit mit den traumatisierten Geflüchteten zu ermöglichen
  • Innerparteiliche Diskussionen mit dem Ziel, schnellere Aufnahmeverfahren, schnelleren Zugang zur Bildung, zum Arbeitsmarkt, sowie zur Teilnahme am sozialen Leben zu erwirken. Dies würde bereits erheblich zur psychosozialen Stabilisierung der Geflüchteten beitragen.

 

Wir bitten um eine Antwort von Ihrer Seite auf diesen Brief und möchten noch einmal auf die Dringlichkeit unseres Anliegens hinweisen.

 

Mit freundlichen Grüßen



Medibüro Lübeck

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